Feuer frei? Zum 451. Geburtstag von Guy Fawkes

Eigentlich wird Guy Fawkes immer am 5. November gefeiert. Und eigentlich gilt die in England traditionelle Feierlichkeit in der Bonfire Night auch weniger ihm als Person, sondern vielmehr seiner Festnahme. Doch die Beliebtheit des einst gescheiterten Sprengstoffattentäters scheint derzeit wieder neue Höhen zu erreichen – als Symbol des Widerstands in Form der berüchtigten Anonymous-Maske. Am 13.04.2021 jährt sich der Geburtstag des 1570 geborenen Guido Fawkes zum 451. Mal. Dazu schenken wir uns ein Gläschen Guy Fawkes Whisky ein und lassen sein Leben – und vor allem sein kulturgeschichtliches Nachleben – Revue passieren.

Guy Fawkes: vom englischen Offizier zum katholischen Terroristen

Wer war Guy Fawkes? Wer verbirgt sich hinter dem Bart, dem Hut, hinter dem Grinsen, der Maske? Der Grund, warum zumindest in England jedes Kind seinen Namen kennt, ist ein gescheitertes Attentat, das Guy/Guido Fawkes gemeinsam mit einigen Mitverschwörern auf den 1603 inthronisierten König Jakob I. und das Parlament verüben wollte. Zur so genannten „Schießpulververschwörung“ (englisch: Gunpowder Plot) verabredeten sich radikale Katholiken. Sie wollten der Verfolgung ihrer Religionsgemeinschaft in England ein Ende setzen, die seit Gründung der Anglikanischen Kirche durch Heinrich, den Achten, durch dessen Tochter, Elizabeth I. verschärft und nun auch unter Jakob (James) I. fortgesetzt wurde. Die Eröffnung des Parlaments erschien als geeignetes Datum, da hier der König mit seiner ganzen Familie, allen anglikanischen Bischöfen und einem großen Teil des Hochadels zusammentraf.

Guy Fawkes und seine Mitverschwörer

 

Guy Fawkes kommt in der Gruppe der Verschwörer die Aufgabe zu, einen Lagerraum direkt unter dem House of Lords anzumieten, und den Sprengstoff dort zu platzieren. Er kannte sich damit aus, da er 12 Jahre lang als Soldat gedient hatte – unter anderem in den Konflikten mit aufständischen Calvinisten auf Seiten der katholischen Spanischen Niederlande im sogenannten Achtzigjährigen Krieg, aber auch als Offizier des Königreichs England. Durch einen vergleichsweise kleineren Ausbruch der damals seit dem 14. Jahrhundert immer wieder auftauchenden Infektionskrankheit Pest wurde die Parlamentseröffnung mehrfach verschoben. Bis zum Termin am 5. November 1605 hatte sich der Geheimplan so weit herum gesprochen, dass Guy Fawkes ertappt und verhaftet wurde, seine Mitverschwörer unter Folter verriet, woraufhin die ganze Truppe um Robert Catesby und Guy Fawkes schließlich im Januar 1606 hingerichtet wurde.

 

Von Guy Fawkes zu Guy Montag in Fahrenheit 451

Die Vorgeschichte zu Guy Fawkes – der durchaus schon länger mit Komplotten und Attentaten geführte Streit zwischen der Katholikin Maria Stuart und Elizabeth I. und den Anglikanern um die weitere Thronfolge – wurde bereits in den darauf folgenden Jahrhunderten zum Stoff hoher Literatur: Insbesondere das klassische Drama „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller verhandelt bereits Ende des 18. Jahrhunderts vor der Kulisse religiös und persönlich begründeter Intrigen auch allgemeine Fragen zu moralischen Spannungsverhältnissen zwischen Individuum und Staat. Wann sich die Guy Fawkes Night von der verordneten Feier der Vereitelung des Attentats hin zu einer Mythologisierung und Legendenbildung rund um den Attentäter selbst wandelte, lässt sich historisch nicht mehr so klar nachvollziehen. Das bekannte Gedicht „Remember, remember, the 5 th of November“ spricht noch eindeutig warnend vor dem Verräter und bis heute wird traditionell vor jeder Parlamentseröffnung der Keller inspiziert.

Doch es gibt Hinweise darauf, dass Guy Fawkes nicht erst mit den seit den 1980er Jahren erscheinenden Comics und Graphic Novels „V – wie Vendetta“ oder deren Verfilmung von 2005 neben der klaren Erfassung als Gefährder auch zur moralisch zwiespältigen Heldenfigur taugte. Im 1953 erschienenen dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury heißt die Hauptfigur Guy Montag. Zwar bestreitet Bradbury, bewusst symbolische Namen verwendet zu haben, doch er bestätigt mögliche unbewusste Einflüsse auf die Namensgebung seiner Figuren. So scheint es auch Bradbury selbst kein Zufall zu sein, dass in Fahrenheit 451 die Antagonisten Montag (wie eine Papierfirma) und Faber (wie der Stiftehersteller) heißen. Demnach ist auch denkbar, dass der Vorname Guy nicht nur auf eine gewisse Identitätslosigkeit („Guy“ ist im Englischen auch ein unspezifisches Wort für „Typ“) hindeutet, sondern auch auf Guy Fawkes. Immerhin war Bradbury durchaus mit Guy Fawkes und dem Brauchtum der Bonfire Night vertraut und unterschrieb beispielsweise auch Post im Jahre 1963 am 05. November mit „Guy Fawkes’ Day, 1963“.

Guy Fawkes Day oder auch Bonfire Night die jährlich am 5. November stattfindet

Interpreten, die in Fahrenheit 451 den Namen als Anspielung auf den Schießpulver-Verschwörer deuten, verweisen dabei darauf, dass Guy Montag im Roman eine ähnliche Entwicklung nimmt wie Guy Fawkes im echten Leben: vom Kämpfer für den Staat zum Widerstandskämpfer und Staatsfeind. Und auch das Mittel des Kampfes ist ähnlich: Beide Guys bedienen sich des Elements Feuer. Während Guy Fawkes mit seinen 36 Fässern voll Schießpulver das ganze Viertel rund um das Parlamentsgebäude in Schutt und Asche legen und noch größere teile Londons in Brand stecken hätte können, reicht Guy Montag die Hitze von 451° Fahrenheit aus dem Flammenwerfer, um im Auftrag einer faschistischen Diktatur Bücher zu vernichten. So gesehen ist der diesjährige 451. Geburtstag von Guy Fawkes auch ein besonders heißes Datum.

 

Der Epic Fail Guy als Anonymous-Symbol

Der Reiz der Figuren liegt in ihrer Ambiguität: Je nachdem, wie man die Macht, gegen die sie ankämpfen, einschätzt, erscheinen sie entweder als tragische Helden eines berechtigten Widerstands oder als finstere Bösewichte und Bedrohungen einer legitimen Ordnung. So beschrieb Comicautor Alan Moore die Idee seines Zeichners David Lloyd, gewisse von Bonfire Night Veranstaltungen bekannte Masken und Verkleidungselemente in der Reihe „V wie Vendetta“ zu verwenden, als bewusste Umdeutung der Figur Guy Fawkes: „Warum zeigen wir unseren Helden nicht als einen auferstandenen Guy Fawkes, mit einer dieser Pappmaché-Masken, dem Umhang und kegelförmigen Hut? Das würde bizarr aussehen und Guy Fawkes das Image geben, das er all diese Jahre verdient hat. Wir sollten den Kerl nicht an jedem 5. November verbrennen, sondern ihn feiern für seinen Versuch, das Parlament zu sprengen!“

Entgegen dem in England wohl schon früher weit verbreiteten Bonmot, Guy Fawkes sei „der einzige Mann, der je das Parlament mit ehrlichen Absichten betreten“ habe, wollte Moore den Attentäter Guy Fawkes allerdings nicht uneingeschränkt und eindeutig zum Helden erklären: „Ich habe es moralisch sehr, sehr vieldeutig gestaltet. Die Kernfrage ist: Hat dieser Typ recht? Oder ist er verrückt? Was denkst du, Leser, darüber?“

Populäre Guy Fawkes Maske

Ironischerweise beruht auch die Popularität der Guy Fawkes Maske in heutiger Protestkultur auf einereigenwilligen Kippfigur. Denn auch von der Verfilmung der Comics „V wie Vendetta“ durch das von der Matrix-Trilogie bekannte Team aus James McTeigue und den Wachowski-Geschwistern gelangte die Guy Fawkes Maske erst über einen Umweg durch die Netzkultur zu den Aktivisten von Occupy Wall Street und anderen Demonstrationen. Das Meme, in dem die spätere Anonymous-Maske urplötzlich auftaucht und sich in der Internet-Folklore zum Identifikationssymbol entwickelte, ist eigentlich der Epic Fail Guy – der Typ, bei dem alles immer legendär schief geht (wörtlich übersetzt: Episches-Versagen-Typ). Das ungelenke Strichmenschchen scheiterte sich in den 200er Jahren von Meme zu Meme in die Herzen der 4chan-Foristen, bis es auf einmal völlig unvermittelt und unerklärlicherweise die Guy Fawkes Maske findet, aufsetzt und fortan nicht mehr ständig episch scheitert – oder erst recht im ganz großen, super-epischen Stil wie einst Guy Fawkes mit dem vereitelten Explosionsplan.

 

Hoch soll er leben! 451. Geburtstag feiern mit Guy Fawkes Whisky!

Auch der Rest der Geschichte ist schon Geschichte: Die Bewegung „Anonymous“ nutzte seither die Masken als Erkennungszeichen der Gruppe einerseits und als Symbol ihrer Nicht-Erkennbarkeit als anonyme Individuen andererseits. Zunächst von den Hackern bei Protesten gegen Scientology eingesetzt, machte sich die Maske als Accessoire auf Politveranstaltungen selbstständig. Nach und nach tauchten die Masken bei den unterschiedlichsten Demonstrationen und Protestbewegungen auf: von Occupy Wall Street in New York über Proteste gegen Internetzensur in Indien, den Arabischen Frühling und den Widerstand in Hong Kong gegen chinesische Machtansprüche – bis hin zur Erstürmung des Kapitols nach der Abwahl Donald Trumps in den USA.

Guy Fawkes Whisky

Guy Fawkes – der Whisky zur Legende

Wie man es dreht und wendet, man kann es nicht wissen, wer sich heute hinter der Guy Fawkes Maske verbirgt. Gut, dass wir genau wissen, was wir uns zu Guy Fawkes’ 451. Geburtstag einschenken: Guy Fawkes Whisky ist im Geschmack – bei der langen Vorgeschichte mit Pulverfässern und Freudenfeuern vielleicht etwas überraschend – angenehm mild und buttrig weich. Fruchtige Facetten, die sich bereits im Duft deutlich ankündigen, umspielen den klaren Malzgeschmack des Blended Whisky.

Der vorwiegend mit Highland Malt Whiskys aus vermutlich rund 36 verschiedenen Fässern komponierte Blend bringt dank satter 44,4 % Vol. ein Geschmacksfeuerwerk auf Zunge und Gaumen, das letztendlich versöhnlich stimmt – auch wenn manche vielleicht mehr Rauch und Schärfe erwarten.

So erheben wir unsere Gläser zum 451. Geburtstag von Guy Fawkes – und freuen uns jetzt schon auf die diesjährige Feier seines Scheiterns, das am 5. November stattfinden wird.

 

 

Holla, holla, hip-hip hooray!