Fernet Cola – Argentiniens inoffizielles Nationalgetränk

Es mag zunächst überraschen, dass Fernet Branca in Argentinien, weit von der Heimat des Amaro Bitters entfernt, eine der beliebtesten Spirituosen ist. Ein Blick auf die Geschichte des Landes löst dieses Rätsel jedoch schnell, denn etwa 60 % der Bevölkerung hat italienische Wurzeln. Allerdings genießt man den Kräuterlikör im Land der Gauchos etwas anders als in Italien. In diesem Artikel erfahren Sie alles über den Fernandito, das inoffizielle Nationalgetränk Argentiniens.

Fernet Cola – eine Einladung zur Geselligkeit

In seiner Heimat Italien wird der Amaro am liebsten pur oder auf Eis als Digestif getrunken. Der Bitterlikör wurde von einem Mailänder Apotheker 1845 erfunden und wird bis heute nach der überlieferten Originalrezeptur hergestellt. Mittlerweile darf sich Fernet Branca in der ganzen Welt über eine große Fangemeinde freuen. Einen besonderen Hype hat der Amaro mehr als 11.000 Kilometer Luftlinie von der italienischen Hauptstadt entfernt ausgelöst – in Argentinien.

Argentinischer Lifestyle: Mate,Tango & Fernet con Coca

Das südamerikanische Land sorgt mit seinen Wirtschaftskrisen immer wieder für Aufsehen in den Medien und ist außerdem bekannt für Steaks, Matetee, Tango, Gauchos und Persönlichkeiten wie Evita, Che Guevara oder Fußballlegende Maradona. Die wenigsten allerdings wissen, dass der italienische Bitter Fernet Branca dort einen Status als (inoffizielles) Nationalgetränk genießt. Getrunken wird er in Argentinien aber nicht pur, sondern mit Cola.

Fernet con Coca: wenn Tag und Nacht eins werden...

Wie Tag und Nacht sein, lautet eine bekannte Redewendung, die ausdrückt, dass zwei Dinge sehr verschieden sind. Die Argentinier drehen dieses Sprichwort um und fragen sich: Was haben Tag und Nacht gemeinsam? Und die Antwort lautet einstimmig: Fernet con Coca. So suggeriert es zumindest ein argentinischer Fernet Branca Werbespot. Dass dies nicht von ungefähr kommt, wird jeder bestätigen, der einmal in Argentinien war. Man trinkt Fernet mit Cola in der Bar, im Club, beim sonntäglichen Asado-Grillfest oder auch einfach mal zwischendurch. Wie der Mate ist auch Fernet Cola eine Einladung zur Geselligkeit. Doch woher kommt diese kollektive Begeisterung für einen Longdrink, der gleichermaßen simpel wie gewöhnungsbedürftig ist?

Wie Fernet Branca nach Argentinien kam

Der Kräuterlikör fand seinen Weg in die Neue Welt mit der großen italienischen Einwanderungswelle Ende des 20. Jahrhunderts. Die Fernet-Fangemeinde wuchs schnell in Argentinien, sodass Fratelli Branca im Jahr 1941 in der Hauptstadt Buenos Aires eine der ersten außereuropäischen Produktionsstätten eröffnete. Bis zum Fernet Cola Hype sollten aber noch einige Dekaden verstreichen, denn auch in Argentinien wurde Fernet zunächst als Digestif pur oder mit Soda serviert. Die jüngeren Menschen, die den Bitter abwertend als „Schnaps für Opas“ bezeichneten, verschmähten ihn. Wie es zum Image-Wandel kam und wann genau der erste Fernet con Coca über den Bartresen wanderte, ist nicht genau datiert. Es gibt allerdings eine Anekdote, an der die Argentinier festhalten.

Fernet mit Cola – die Erfindung eines unzertrennlichen Duos

Die Ursprünge des argentinischen Nationalgetränks führen uns in das Städtchen Cruz del Eje in der zentralargentinischen Provinz Córdoba. Hier führte Oscár „el Negro" Becerra eine gut besuchte Bar, in der er mit seinen Gästen gerne den ein oder anderen Genever genoss. Schenkt man der Legende Glauben, so sollen ihm die Ärzte aufgrund gesundheitlicher Probleme davon abgeraten haben, weswegen er als Ersatz zum Fernet griff. Da dieser ihm zu bitter war, mischte er ihn mit Cola. Das Gemisch wurde auch von seinem Klientel freudig aufgenommen, und so machte der Fernet con Coca bald in ganz Argentinien die Runde. Becerra selbst bezeichnete seine Erfindung als einen „bitteren Kuss, der dich die Augen vor Abneigung und Widerwillen zusammenkneifen lässt“. Zugleich wecke der bittere Geschmack mit dezenter Cola-Süße die Lust auf Mehr – und schon sei es um einen passiert.

Fernet mit Cola

Jahrtausendwende in Argentinien: die Fernet-Cola-Ära

Im großen Stil populär wurde der Longdrink erst Ende der 1990er Jahre. Das Land steuerte auf die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten zu, und beide Ingredienzen gab es günstig zu kaufen. Soziale Events ohne Fernet Cola waren bald undenkbar. Fratelli Branca und Coca Cola förderten dies aktiv durch gemeinsame gezielte Werbekampagnen, Veranstaltungen und öffentliche Tastings. Entsprechend werden die frühen 2000er rückblickend als „Fernet-Ära“ bezeichnet.

Der Fernet Cola Boom geht weiter

Der Fernet Cola Boom ist bis heute ungebrochen, und wer einer argentinischen Bar einen Besuch abstattet, sollte sich darauf gefasst machen, dass der Name „Fernet“ auf der Getränkekarte niemals puren Genuss verspricht. Für die Argentinier ist es schlichtweg unnötig darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um das Dreamteam Fernet Branca und Coca Cola handelt. Heute ist der Longdrink nach Bier und Wein das am meisten konsumierte alkoholische Getränk des Landes. In argentinischen Supermärkten sind die Regale voll mit Fernet und Cola, manchmal auch schon fertig gemischt. Doch die wenigsten Argentinier greifen zu einem billigen Fernet-Abklatsch. Für den wahrhaftigen Genuss sorgen einzig Fernet Branca und Coca Cola, wie die Argentinier nicht müde werden zu beteuern.

Die Geburtsstunde und Blütezeit des Fernandito

Argentinier lieben nicht nur Superlative, sondern gerade auf kommunikativer Ebene auch Diminutive. Aus dem Lieblingsdrink „Fernet con Coca“ wurde so zunächst „Fernando“ und später „Fernandito“, also kleiner Fernando. Die Bedeutung des Kultdrinks für die Bevölkerung spiegelt sich in vielerlei Hinsicht wider. Eine argentinische Rockband aus den 1990er Jahren widmete dem Fernet con Coca einen Song, in dem sie Leben lamentieren, wenn gerade mal kein Fernet Cola zur Hand ist. 2014 wurde Fernet Branca in die staatliche Preisstoppverordnung aufgenommen, um zu verhindern, dass sich die Argentinier ihr Lieblingsgetränk durch die steigende Inflation nicht mehr leisten können. Derartige Geschichten gibt es viele zu berichten aus dem Land, das 75 % des Fernet-Konsums weltweit ausmacht. Im Jahr 2020 durften sich die Argentinier über einen weiteren Triumph freuen: Fernet con Coca wurde unter dem Namen „Fernandito“ als erster argentinischer Cocktail offiziell von der IBA in die Liste der „New Era Drinks“ aufgenommen.

Was macht Fernet mit Cola so besonders?

Entweder man mag Fernandito oder nicht. Das ist eine klare Sache, ein „Dazwischen“ gibt es nicht. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, doch bitteren Geschmacksnoten sollte man auf jeden Fall nicht abgeneigt sein, wenn man Fernet Cola probieren möchte. Die Argentinier lieben die Geradlinigkeit des Drinks. Fernet con Coca ist ein ehrlicher Longdrink, der genau das hält, was er verspricht. Und das ist: hustensaftbraune Farbe, egal in welchem Verhältnis er gemischt wird, intensiv kräuterige Bitterkeit mit einer ganz leichten Süße im Hintergrund. Nicht mehr, nicht weniger.

Wie wird Fernet Cola serviert?

Diese Geradlinigkeit bezieht sich nicht nur auf den Geschmack selbst, sondern auch auf das „Drumherum“. „Kein Gedöns“ könnte man sagen. Fernet mit Cola braucht weder Garnitur oder dekorativen Schnickschnack noch ein besonders hübsch aussehendes Glas. Er ist vielmehr stiller, unauffälliger Begleiter in laut-fröhlicher Geselligkeit. In Argentinien wird der Drink häufig in halbierten Cola-Flaschen aus Plastik serviert. „Viajero“ nennt sich diese Variante, auf Deutsch der Reisende.

In welchem Verhältnis wird Fernet mit Cola gemischt?

In argentinischer Tradition werden wir Ihnen hier kein klares Rezept mit an die Hand geben. Denn bei der Frage, wie man seinen Fernandito am besten zubereitet, scheiden sich die Geister. Einige angesehene Barkeeper schwören auf ein Mischverhältnis von 30 % Fernet und 70 % Cola, andere bevorzugen 1:1 oder auch deutlich mehr Fernet Branca. Die International Bartenders Association schlägt folgende Rezeptur vor:

Um das für Sie perfekte Mischverhältnis zu finden, hilft nur: ausprobieren. Doch bedenken Sie, dass der Longdrink umso bitterer wird, je mehr Fernet Sie verwenden. Da Sie Ihren Gästen wahrscheinlich keine abgeschnittenen Cola-Plastikflaschen servieren möchten, empfehlen wir ein Old Fashioned Glas. Auch das ist in Argentinien neben der Viajero-Variante Standard.

Fernandito – Zubereitung

Geben Sie zunächst den Fernet in das mit Eiswürfeln gefüllte Glas, anschließend mit Cola auffüllen. Achten Sie darauf, dass die Schaumkrone erhalten bleibt. Rühren Sie den Longdrink vorsichtig um. Die meisten Argentinier schwören darauf, dass man hierfür keinen Löffel, sondern nur die Finger benutzen darf. Nun ja, Geschmack ist und bleibt eben Geschmackssache – das trifft wohl bei keinem Drink besser zu als beim Fernet con Coca.

 

Viel Spaß beim typisch argentinischen Bittergenuss und salud!

Simone Glöckler

Simone Glöckler

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