Die optimale Trinktemperatur bei Spirituosen

Gibt es überhaupt eine optimale Trinktemperatur bei Spirituosen? Und wenn ja, wie kommt sie zustande und warum sollte ich mich daran orientieren? Schließlich ist Geschmack ja subjektiv und individuelle Vorlieben sind verschieden. Egal ist die richtige Temperatur trotzdem nicht für den Genuss – wir verraten, warum.


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Ein kritischer Blick

Mit der "optimalen" oder "empfohlenen" Trinktemperatur ist das ja so eine Sache. Gilt die gleichermaßen für jedermann und jederfrau ohne Rücksicht auf individuelle Vorlieben? Schmeckt uns allen Schnaps wirklich bei der einen, exakt festgelegten Temperatur am besten – ohne Ausnahmen? Was, wenn ich meinen Gin aber gerne kühler trinke als die Kenner? Versündige ich mich gegen die Götter des guten Geschmacks, wenn mein teurer Single Malt Whisky über einen großen Eiswürfel fließt, bevor er sich am Boden eines Tumblers sammelt?

Sollen Spirituosen nicht einfach Spaß machen?

Warum überhaupt all die Empfehlungen, Regeln & Rituale rund um das Thema Spirituosen? Reicht es denn nicht, wenn ein gutes Gläschen Schnaps Freude macht und die Seele wärmt? Absolut sogar! Und all jene, die von Spirituosen nicht mehr erwarten, können an diesem Punkt auch schon aufhören zu lesen. Für alle anderen wird es jetzt aber erst so richtig interessant. Denn hinter der optimalen Trinktemperatur stecken nicht nur Snobbismus oder vermeintliche Besserwisserei, sondern handfeste Fakten – und großes Potenzial zur Steigerung des Genusses.

Subjektives Geschmacksempfinden, objektiv betrachtet

Spirituosen sind ein Genussthema – und Genussthemen sind immer auch Geschmackssache. Ebensowenig, wie jemand mir erklären kann, warum mir eine Skulptur, ein Gemälde oder ein Musikstück besonders gut (oder gar nicht) gefallen soll, kann mir jemand den "richtigen" Geschmack edler Spirituosen vorschreiben. Dennoch gibt es einige allgemeine Faktoren, die unser Geschmacksempfinden über das rein subjektive Gefühl hinaus beeinflussen. Einer davon ist die Trinktemperatur, mit der wir uns jetzt etwas genauer auseinandersetzen werden. Die Leitfragen dabei sind, ob sich mit der Temperatur eines Getränks auch sein Geschmack verändert, warum das so ist und warum uns das interessieren sollte. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kann man dann immer noch für sich selbst entscheiden, was davon man in die eigene Praxis übernehmen will - und was nicht.

Wir empfehlen dunklen Rum bei Zimmertemperatur in einem Nosingglas

Warum die Trinktemperatur nicht egal ist

Das von uns wahrgenommene Aromen- und Geschmacksprofil von Spirituosen ändert sich mit ihrer Temperatur. Je kühler, desto weniger riechen und schmecken wir. Das betrifft sowohl die unerwünschten, als auch die erwünschten Aromen. Bei kalten Temperaturen erschnuppern wir zwar weniger vom Eigencharakter einer Spirituose, aber auch der beißende Alkoholgeruch tritt weniger stark zutage. Wenn wir das im Hinterkopf behalten, machen alle weiteren Ausführungen mehr Sinn: Die Temperatur beeinflusst unterschiedliche Aspekte des Geschmacksprofils auf unterschiedliche Weise. Darum gilt es, die optimale Trinktemperatur entsprechend dem jeweiligen Getränk und der eigenen Vorlieben zu finden.

Kühler = weniger Aromenvielfalt in der Nase, "flacheres" Geschmacksprofil an Gaumen und Zunge, weniger Alkohol, weniger Fehler wahrnehmbar

Wärmer = mehr Aromen wahrnehmbar, der Drink "öffnet" sich unserer Nase, wir erkennen zusätzliche Nuancen, gleichzeitig wird der Alkohol intensiver und Fehler machen sich erkennbar

Für die praktischen Konsequenzen spielen nun die Antworten auf mehrere Fragen eine Rolle: Wie intensiv ist der Eigengeschmack der Spirituose? Wie breit das Feld der gewünschten Aromen? Wollen wir uns überhaupt in das ganze Geschmacks- und Geruchsspektrum einarbeiten oder ist es uns lieber, den Drink möglichst "flach" zu halten? Anders formuliert: Wenn es darum geht, billigen Wodka so schmerzfrei wie möglich zu kippen, stellen wir andere Erwartungen an die Spirituose als beim Genuss eines preisgekrönten Edelbrandes.


Unsere Daumenregeln zum Kühlen von Spirituosen:

1. Was gekippt wird, kann auch gekühlt werden

2. Woran man nicht schnuppern will, sollte man kühlen

3. Umgekehrt: Was man erschnuppern und mit viel Zeit und Vorfreude genießen will, sollte man nicht (zu sehr) kühlen


Wissen ist Macht... oder so ähnlich

Daran schließt unmittelbar die Frage an, was denn nun die optimale Trinktemperatur für Spirituosen ist, die nicht gekühlt werden. Die hier immer noch auftretenden Variationen in den Empfehlungen sind wirklich nur das - Empfehlungen. Wichtiger ist, was wir uns von einer bestimmten Spirituose erwarten, denn genau das können wir mit der Wahl von Temperatur (und, ein Thema für sich, dem passenden Glas) ganz maßgeblich beeinflussen. Mit dem Wissen, dass sich die wahrgenommene Aromenvielfalt und -intensität abhängig von der Temperatur verändert, können wir gezielt ein bestimmtes Geschmacksprofil stärken oder abschwächen. Das gilt es auszunutzen!

Ein charakterstarker Single Malt Whisky mit Sherry-Finish, ein edler Obstschnaps aus dem Holzfass... sie verdienen es, bei optimaler Temperatur genossen zu werden, weil unsere Nase und unser Gaumen sonst genau das verpasst, was diese Spirituose ausmacht und von anderen unterscheidet. Offen gesagt: Wenn ich meinen Bruichladdich Octomore 6.3 Islay Barley Whisky eisgekühlt genieße, kann ich mir auch etwas deutlich Billigeres ins Glas kippen – die Unterschiede verringern sich bei sinkenden Temperaturen drastisch. Umgekehrt ist natürlich genau dieser Effekt bei Billigspirituosen gewünscht:

Ein simpler Korn ist kein Getränk, das man bei Zimmertemperatur genüsslich und mit viel Zeit degustieren will – dasselbe gilt für Supermarktvodka und Konsorten. Hier liegt der Sinn der Kühlung gerade darin, den Alkohol angenehmer, trinkbarer zu machen. Wer hat auch schon Lust, ein Gläschen Billigsprit über eine halbe Stunde hinweg im Degustierglas "kennenzulernen"? Niemand, that's who. Und das hat nichts mit Snobismus, Purismus oder Temperaturismus zu tun, sondern mit der simplen Frage, was wir von unserer Spirituose wollen.

Schnaps ist nicht nur Alkohol, sondern auch Trinkkultur

Das Drumherum: Kultureller Kontext, Tradition und Stil

Aber natürlich gehört zu einem Genussthema immer mehr als nur die harten Fakten aus der Produktchemie. Selbst wenn es geschmacklich optimal wäre (was es nicht ist), den extra alten Rhum agricole aus einem quietschbunten Plastikbecher zu trinken, würde es uns widerstreben. Denn der Genuss feiner Spirituosen umfasst mehr als "nur" die Summe aus Geruch und Geschmack –wir trinken immer auch ein Stückchen Tradition und haben Anteil am historisch gewachsenen kulturellen Gedächtnis rund um eine bestimmte Spirtuose und ihre Geschichte. Darum beeinflusst ein bestimmter Glas-Stil unabhängig von den physikalischen Eigenschaften unser Genuss-Empfinden um den eigentlichen Genuss herum und prägt so das Gesamterlebnis mit. So wie übrigens auch die Umgebung, die Tageszeit, unsere Stimmung - alles gehört zusammen und sorgt dafür, einen bestimmten Moment passender oder weniger passend werden zu lassen. Darum schmeckt das Schlückchen Single Malt abends in Ruhe aus dem Nosing Glas genossen unendlich besser, als vormittags in der überfüllten U-Bahn zwischen schwitzenden Menschen. Klingt banal oder vielleicht sogar polemisch, zeigt aber, wie sehr einerseits physikalische und chemische Fakten, andererseits aber auch unbewusste, aber um so tiefer verinnertlichte kulturelle Konventionen unser subjektives Genussempfinden beeinflussen. Wir sollten diesen Zusammenhang daher keinesfalls ignorieren, sondern für uns nutzen.


Optimale Trinktemperatur: Die definitive Liste

Ausgestattet mit all dem Hintergrundwissen, wollen wir jetzt ganz konkret werden. Was ist denn nun die optimale Trinktemperatur für Obstbrand, Whisky, Rum & Co.? Wie wir jetzt wissen, kann man dabei nicht komplett unabhängig von persönlichen Erwartungen und Genussgewohnheiten operieren. Diese gilt es mit den folgenden Empfehlungen zum individuellen Richtwert zu kombinieren.

Edelbrand, hochwertiger Obstschnaps

Edelbrände und hochwertige Obstschnäpse bei mySpirits.eu

Dazu gehören Klassiker wie feines Kirschwasser ebenso wie holzfassgelagerte Alte Sorten und Publikumslieblinge wie der Hausschnaps von Prinz. Qualitativ hochwertige Spirituosen aus Obst, auf höchstem Niveau gebrannt, bieten der Nase ein breites Spektrum subtiler Fruchtaromen, die es zu entdecken gilt. Wer hier kühlt, macht seinen Schnaps zwar milder (und "kippbarer"), verringert aber gleichzeitig den Sortencharakter bis zur Beliebigkeit.

Optimale Temperatur: 15° - 18° C.
Passendes Glas: Schnapskelch (auch Degustierglas genannt). Die nach oben hin verjüngte Tulpenform bündelt die flüchtigen Aromen zur Nase hin und dämpft die Intensität des Alkohols.


Whisky, Whiskey, Bourbon...

Whisky! Die besten Single Malts, Blended Whiskies, Scotch, Bourbon, etc. - alles bei mySpirits.eu

Kaum eine Spirituose bringt die Puristen so verlässlich auf die Barrikaden, wie der gute alte Scotch Single Malt Whisky. Bis zu einem gewissen Grad ist das nachvollziehbar, denn guter Whisky kann ganz schnell ordentlich ins Geld gehen. Wer gut 300 Euro für seinen 30-jährigen Talisker Single Malt hingelegt hat, will auch - völlig zu Recht! - den unverfälschten Eigencharakter des Whiskys erkunden.

Optimale Temperatur: 16° - 20° C.
Passendes Glas: Das Nosingglas (ob mit oder ohne Stiel ist Geschmacksfrage); der häufig gesehene Tumbler empfiehlt sich eher für jene, die Bourbon oder günstige Blends auf Eis bevorzugen.


Rum, Rhum, Ron

Rum, Rhum, Ron - egal woher, ob spanisch, englisch oder französisch - gibt's bei mySpirits.eu!

Ein breites Feld, das sich in Hinblick auf die optimale Trinktemperatur vor allem zwischen dunklen und hellen Rums aufteilt. Fassgelagerte, schwere Rums mit viel Charakter bringen warme Röst- und Kaffeenoten mit, die entsprechend gestärkt werden sollen. Es gibt allerdings auch die Tendenz, genau mit dieser Facette zu spielen und dunklen Rum bspw. mit einem einzigen, großen Eiswürfel (bestenfalls handgeschnitzt) zu servieren. Die sofort einsetzende Veränderung in der Trinktemperatur führt auch zu einem Wandel im Charakter des Drinks von Schluck zu Schluck - Ein Effekt, den auch so mancher Purist zu schätzen gelernt hat.

Optimale Temperatur (dunkel): 16° - 21°C.
Optimale Temperatur (hell): 14° - 17° C.
Passendes Glas: Ähnlich wie bei Whisky empfiehlt sich für aromaschwere Rums ein bauchiges, nach oben hin verjüngtes Nosingglas. Und auch wenn geschmacklich eigentlich nichts dagegen sprechen würde, wäre ein Glas mit Stiel bei Rum fast schon ein Stilbruch.


Grappa, Tresterbrand
Grappa - Fruchtige Vielfalt bei mySpirits

Wer bei Grappa auf Qualität achtet und sich auch mal richtig feine Tropfen gönnt, die mehrere Jahre im Holzfass verbracht haben, sollte seinem Tresterbrand auch mehr Raum zum Atmen lassen. Die unvergleichlich aromatische Fruchtigkeit eines guten Grappa würde der Nase gekühlt komplett verloren gehen.

Optimale Temperatur: 15° - 18° C.
Passendes Glas: Grappakelche sind etwas voluminöser als die schlankeren Schnapskelche und fallen mit diesen zusammen in die Kategorie der Degustationsgläser. Grappakelche erlauben der Spirituose etwas mehr Kontaktfläche mit der Luft und begünstigen damit die Aromenfreisetzung.


Gin

Gin bei mySpirits.eu

Bei Gin scheiden sich die Geister, was vor allem daran liegt, dass Purdegustation und Genuss im Gin Tonic in Punkto Trinktemperatur zwei völlig unterschiedliche Felder bespielen. Hier hilft die obige Daumenregel: Wenn wir die einzelnen Botanicals erschnuppern wollen, sollte der Gin (niedrige) Zimmertemperatur haben. Im Gin Tonic (und in klassischen Cocktails) gehört Eis dazu.

Optimale Temperatur (pur): 13° - 17° C.
Passendes Glas: Beim Gin spricht nichts gegen einen Tumbler, der ruhig auch in der gehobenen Kategorie (mundgeblasen, von Löwen) angesiedelt sein darf. Für die fachkundige Degustation empfiehlt sich ein schlankes Degustationsglas.


Likör, Cream, Limes

Liköre, Creams, Limes - wenn es fruchtig und süß ist, haben wir es! mySpirits.eu

Liköre und ihre süßen und cremigen Compagnons bringen in der Regel einen hohen Zuckergehalt mit. Dadurch vertragen sie niedrige Temperaturen ausgezeichnet (wir kennen den Effekt von eisgekühlter Cola...) und gewinnen so pur und gemischt an Frische hinzu.

Optimale Temperatur: 4° - 13° C.
Passendes Glas: Je nach Lust, Laune und Anlass. Pur, mit Sekt, Prosecco oder Sprudel, auf Eiswürfeln und auf Speiseeis - hier wird das Glas einfach an den aktuellen Kontext angepasst. Wichtig: Das Auge trinkt mit.

Wodka

Klassisch wird Wodka (oder Vodka) eisgekühlt genossen - jedoch nicht mit Eiswürfeln, sondern direkt aus der gekühlten Flasche in ein vorgekühltes Glas gefüllt. Gekühlt ja, verwässert nein, lautet hier die alte Regel.

Optimale Temperatur: 3° - 6° C.
Passendes Glas: Kleine Shot-Gläser, oder auch die gerne für Obstler verwendeten "Stamperl" bieten sich an. Hauptsache gut zu kippen.


Daumenregeln sind keine ehernen Gesetze

Zum Abschluss noch eine klare Aussage. Die wichtigste Regel ist und bleibt: Trinken Sie Ihren liebsten Tropfen so, wie er Ihnen am besten schmeckt. Ein Ratgeber, der Ihnen den Genuss vermiest, darf getrost ignoriert werden. Vielmehr soll uns die Kombination aus persönlicher Präferenz und dem Wissen um die Hintergründe so mancher Empfehlung in die Lage versetzen, Spirituosen bewusst zu genießen und auf souveräner Basis den eigenen Weg zu zelebrieren. Sie haben alles gelesen, kennen die Fakten und trinken ihren Single Malt trotzdem eisgekühlt zum warmen Likör? Ihr Bier. Wohl bekomm's und möge uns der Stoff für Fachsimpelei nie ausgehen.

Anderer Meinung?

Sie sehen das alles ganz anders? Ihre persönlichen Erfahrungen weichen deutlich ab? Sie können die Liste ergänzen oder gar widerlegen? Kein Problem für uns, wir sind an abweichenden Meinungen interessiert. Zu jeder Faszination gehört das Fachsimpeln und Spirituosen sind hier keine Ausnahme - schließlich lernt man nie aus und am Ende können alle Seiten von Erfahrungsaustausch nur gewinnen. Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns und der Community, ganz einfach im Kommentarfeld unter dem Blog-Artikel oder auf Facebook.

Dominique Marze


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